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Total Liberation Interview 3 – TVG Saar e.V.

Der Begriff „Total Liberation“ taucht in den letzten Jahren immer häufiger in der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung auf. Er umschreibt die Idee, alle emanzipatorischen Bewegungen unter dem Überbegriff „Total Liberation“ zusammenzuführen. Da zu diesem Thema bislang eher wenig geschrieben wurde, haben wir verschiedene Gruppen und Einzelpersonen innerhalb und außerhalb der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung gefragt.

Wie verstehen und interpretieren einzelne Gruppen und Personen aus dem emanzipatorischen Spektrum das Konzept „Total Liberation“? Welche Perspektiven und Möglichkeiten bietet dieser Ansatz? Welche Herausforderungen und Probleme ergeben sich aus dem Zusammenschluss mit anderen, nichtveganen, emanzipatorischen Gruppen? Wie können wir das Thema für Aktive aus dem emanzipatorischen Spektrum attraktiv zu machen, für die Tierrechte und Tierbefreiung aktuell noch nicht Teil ihres politischen Engagements sind?

Wir veröffentlichen nun jede Woche eines dieser Interviews und wollen damit eine Diskussion zu diesem Thema anstoßen – innerhalb und außerhalb der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung. Wir hoffen auf fruchtbare und konstruktive Diskussionen. Zum Abschluss dieser Interviewreihe werden wir die, aus den Interviews und Diskussionen gewonnenen, Erkenntnisse und Fragestellungen in einem Artikel zusammenfassen.

Für unser erstes Interview sprachen wir mit der Berliner Tierbefreiungsaktion (BerTA). In unserem zweiten Interview gaben uns die Kreaktivisten ausführliche Einblicke. In diesem Interview haben wir die Menschen für Tierrechte – Tierversuchsgegner Saar e. V. zum Thema befragt.


 

Stellt euch und eure Gruppe kurz vor. Seit wann gibt es euch und was sind die Schwerpunkte eurer Arbeit?

Die Gründung der ursprünglichen „Tierversuchsgegner Saar e.V.“ erfolgte 1985, also vor genau 30 Jahren. Anfangs als kleine Gruppe, befassten wir uns überwiegend mit dem Riesenspektrum Tierversuche, weiteten jedoch schon nach kurzer Zeit unser Engagement auf alle tierrechtsrelevanten Bereiche und auf die Befreiung der Tiere aus ihrem Sklav_innenstatus aus. Dieses erweiterte Engagement stellten wir mit dem Namenszusatz „Menschen für Tierrechte“ heraus. Der ursprüngliche Name „Tierversuchsgegner Saar“ wurde bis dato weiter mitgeführt, er ist allerdings irreführend und beschreibt uns auch mit dem Zusatz unzureichend.

Obwohl wir seit langen Jahren kein Mitglied des „Bundesverband Menschen für Tierrechte“ mehr sind, kam es bis in die jüngste Vergangenheit aufgrund der Namensähnlichkeit immer wieder zu nicht tragbaren Verwechslungen. Es kostete viel unnötige Energie, uns selbst und unsere Ziele immer wieder von anderen Organisationen abzugrenzen. Viele gehen auch davon aus, dass wir ein untergeordneter Regionalverband des Bundesverbandes seien, mit ähnlich reformistischem Ansatz und gleichem politischen Selbstverständnis. Der BV setzt sich tatsächlich mit der Überzeugung von irgendwann einmal spürbaren Zwischenschritten für juristisch festgeschriebene Rechte nichtmenschlicher Tiere ein ohne ihren Eigentumsstatus in Frage zu stellen. Mit dem dazu bemühten Bezug auf rechtsstaatliche Autoritäten sollen aber genau jene Instanzen (befangene und korrupte Gesetzgeber, Institutionen, Ministerien, Ausführungsorgane) mit der Durchsetzung von Tierrechten beauftragt werden, deren Aufgabe es ist, Herrschafts- und Ausbeutungsstrukturen in dieser Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Der Mensch bleibt weiterhin das [übergeordnete, gesetzgebende] Maß aller Dinge während „das Tier“ in der Rolle des Bittstellers, das auf menschliche Gnade angewiesen ist, verbleibt.

Aus diesem Grund sind wir auch gerade in der Umbenennungsphase von „Menschen für Tierrechte – Tierversuchsgegner Saar e. V.“ zu „Tierbefreiungsoffensive Saar e. V.“ (vgl. www.tvg-saar.de)

Wir haben uns, was „Schwerpunkte“ betrifft, nicht festgelegt und arbeiten zu allen relevanten Tierrechts- und Tierbefreiungsthemen, die uns sinnvoll und erfolgsversprechend erscheinen, jedoch in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext, da wir die Versklavung nicht-menschlicher Tiere nicht als separates Problem sehen, das separat gelöst werden kann sondern als nur eine von vielen Folgen herrschaftlicher Strukturen. Aus diesem Grund sehen wir auch den derzeitigen „Trend zum unpolitischen Veganismus“ mit großer Sorge.

Der Begriff ″Total Liberation″ taucht ja in den letzten Jahren immer häufiger auf. Was versteht ihr unter dem Begriff ″Total Liberation″?

In der Beziehung der Menschen zu jenen, die wir Tiere nennen, ist es zu einem so grundlegenden Versagen des Menschen gekommen, dass sich alle anderen, wie die globale soziale und ökologische Krise, aus ihm ableiten lassen. Die Zivilisation hat spätestens im Zuge der Industrialisierung ein zerstörerisches, lebensverachtendes, kapitalistisches Ausbeutungs- und Verwertungssystem entwickelt, das in seiner Perfektion kaum zu überbieten ist und nicht nur die vollständige Unterwerfung tierlicher Individuen und ihre Benutzung für die Zwecke der menschlichen Gemeinschaft beinhaltet, auch die Ausbeutung von Menschen und die Zerstörung der Natur sind systemimmanent.

Es herrscht ein traditionell fest verankerter Glaube an natürliche Hierarchien, auf deren unterster Stufe nichtmenschliche Tiere angesiedelt sind. Dieser dogmatische Glaube gründet sich meist schlicht auf faktische Macht und den Willen zur Herrschaftsabsicherung, er muss hinterfragt und durchbrochen werden. Die bisherigen Bemühungen und die politischen Ansätze verschiedener Befreiungskämpfe sozialer Bewegungen zu einer Verbesserung der Situation waren nur Stückwerk und schwach, sie waren nicht integrativ und rückschrittlich in ihrer Sicht auf nichtmenschliche Tiere.

Die Kritik an der Tierausbeutungsindustrie ist losgelöst vom Kontext der Unterdrückung durch die gesellschaftlichen Verhältnisse im Kapitalismus zum Scheitern verurteilt, da sie nur ein Symptom einer Gesellschaftsordnung darstellt, die auf Ausbeutung und Profitmaximierung beruht. Die Politik der „totalen Befreiung“ ist keine neue, sie hat eine lange Geschichte, die sich weit in die Zeit der abolitionistischen Sklavenbefreiungsbewegung zurückverfolgen lässt und begreift die Gemeinsamkeiten verschiedener emanzipatorischer Bewegungen wieder, erkennt gemeinsame Ziele, sie vereint ungleiche Befreiungsbewegungen für die Menschen und alle anderen Lebewesen und schmiedet entsprechende politische Bündnisse. Der Begriff „Total Liberation“ verdeutlicht unmissverständlich die Abwesenheit anthropozentrischer Herrschaftsstrukturen, willkürlicher Einteilung aufgrund irrelevanter Eigenschaften und der daraus folgenden Diskriminierung und Unterdrückung egal durch wen über wen. Sie ist ein Ideal, das wahrscheinlich nie erreicht werden wird aber sie ist ein Ziel, das es anzustreben gilt.

„no one is free until all are free“

Welche Perspektiven und Potentiale seht ihr im Hinblick auf die Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen emanzipatorischen Gruppen?

Wir sind der Ansicht, dass Menschen, die sich für die Rechte bestimmter von Gewalt und Unterdrückung Betroffener einsetzen, eher dazu bereit und in der Lage sind, herrschaftliche Strukturen zu erkennen, zu hinterfragen und ihre Mechanismen zu begreifen und somit auch eher bereit sind, weitere Opfer dieser Strukturen (an)zu erkennen. Dass Othering, also die Differenzierung und Distanzierung der Gruppe, der man sich zugehörig fühlt (Eigengruppe), von anderen Gruppen, die Grundlage für Diskriminierung gleich welcher Art ist, wird gemeinhin gut verstanden. Und damit auch die künstlichen Abgrenzungen z.B. zwischen Nichtmenschen und “uns“. Darüber hinaus ist ein weltweiter Trend der Einschüchterung und der Versuch, emanzipatorische Bewegungen zu kriminalisieren, erkennbar, die bewegungsübergreifende Solidarität erfordert. Von daher sehen wir zunehmend Potentiale in allen momentanen und zukünftig angestrebten Vernetzungen mit anderen emanzipatorischen Gruppen und die kontinuierliche Thematisierung des Tier-/Totalbefreiungsgedankens nicht nur als sehr sinnvoll und zielführend an sondern als einzige Chance.

Wie versucht ihr den Ansatz ″Total Liberation″ in eurer praktischen Arbeit umzusetzen? Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht?

Wir unterstützen verstärkt Aktionen diverser Antifagruppen, der Antiatomstrombewegung sowie Aktionen mit gemeinsamer Basis von Attac zu Themen wie Gemeinwohlökologie, TTIP und beteiligen uns mit Infoständen an den Umwelt- und Friedenstagen, linken Konzerten etc. Allerdings lehnen wir eine Beteiligung an Demos, Aktionen, Straßenfesten oder anderen Veranstaltungen ab wenn abzusehen ist, dass sich auch antiemanzipatorische Gruppierungen oder Redner beteiligen und begründen diese Ablehnung auch entsprechend bei Einladungen. Bei allen unseren eigenen Aktionen bitten wir die Teilnehmer, kein Material (Infoflyer, Plakate, Flaggen etc.) antiemanzipatorischer Gruppen mitzubringen und verweisen auf folgende Seiten unserer Homepage: http://www.tvg-saar-vegan.de/startseite/gesch%C3%A4ftsbericht-2013-2014/tierschutzpartei-mut/ sowie http://www.tvg-saar-vegan.de/startseite/gesch%C3%A4ftsbericht-2013-2014/peta/

Wir haben damit die positive Erfahrung gemacht, dass sich bestimmte Personen aus dem emanzipatorischen Spektrum für uns zu interessieren begannen, die zuvor unsere Zielsetzungen nicht kannten. Andere hingegen, die eher im Bereich „Tierschutz“ oder „Hauptsache für die Tiere“ verortet werden können, haben sich zum Teil empört von uns abgewandt als wir unsere Position deutlich(er) machten. Letztere teilen sich mit Menschenrechtlern die Auffassung, „Tierrechte“ hätten nichts mit Politik zu tun und seien ein ganz anderes Problem. Sowohl Menschenrechtler als auch viele, die sich für „die Tiere“ einsetzen, teilen sich somit engstirnige, isolierte Positionen, sie schwächen und marginalisieren sich selbst, indem sie das Engagement für Menschen einerseits und jenes „für die Tiere“ andererseits strikt getrennt halten wollen, was sie auch durch sprachliche Dichotomie zum Ausdruck bringen. Sie verkennen dabei die untrennbare Verknüpfung, ahnen nicht dieselben Ursprünge und überlappenden Dynamiken, die einen produktiven Dialog und die Solidarität mit anderen emanzipatorischen Gruppen erfordert und ignorieren sich bestenfalls gegenseitig.

Ein aktuelles Beispiel, das ganz unverhohlen die spöttische Ablehnung zeigt:

Wir hatten vor kurzem eine Anfrage an „Die kommunistische Internetzeitung“ gestellt, ob sie Positionspapiere/Aufsätze zu den Themen Tierrechte oder Tierbefreiung hätten, die als Literaturhinweise veröffentlicht werden könnten.

Antwort der Redaktion (Zitat) „Wir kämpfen für die Befreiung des Menschen von der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.“ Auf unsere Anmerkung, dass dies eine anthropozentrische Einstellung sei und was sie denn z. B. von der Position von Herbert Marcuse oder Rosa Luxemburg halten, wobei zumindest letztere eine klare Tierrechtsposition vertrat, wurden wir mit einer ganz ähnlichen Einstellung konfrontiert, wie die Aufseherin aus Rosa Luxemburgs „Brief aus dem Gefängnis“ von dem Soldaten auf ihre Frage, ob er denn gar kein Mitleid mit den Tieren hätte:  „Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid!“….und hieb noch kräftiger auf die Tiere ein. Die Antwort des Redakteurs nämlich lautete (Zitat):

„Wir haben eine ebenso anthropozentrische Einstellung, wie die Kuh beim Bauern Bos primigenius taurus-zentrisch, die Sau Sus scrofa domestica-zentrisch oder der Hirsch cervidae-zentrisch usw. eingestellt ist. Der wesentliche Unterschied ist aber, dass der Mensch zur Vernunft fähig ist. Wenn die Tierbefreier als ‚menschliche Tiere‘ die Mutation des Vormenschen zum Menschen, also die Eigenschaft zur Vernunft, nicht besitzen, so sind sie Individuen ohne Vernunft, oder? (und weiter) Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher. Tierbefreier sind der Beweis für die unendliche menschliche Dummheit. Oder soll ich sagen ‚tierische‘? Nein! So blöd ist kein Rindvieh. gez. Rotfront, Der Rote Webmaster“

Wenngleich es jene Menschenrechtler selbst sind, die die enge Verbindung zwischen verschiedenen Formen der Unterdrückung mit ihrer Einstellung verlautbaren (Wir Menschen werden unterdrückt, warum sollten wir also auf ‚Tiere‘ Rücksicht nehmen?), so scheint ihnen dennoch das Bewusstsein für das gemeinsame Unterdrückungsmuster mit seinem identischen Ursprung zu fehlen. Das Konzept des Antispeziesismus wird als eine Abwertung des Menschen empfunden und als anti-emanzipatorisch vorverurteilt oder (angesichts des Leids, das Menschen zugefügt wird) als zumindest ‚verfrüht‘ angegangen und somit ‚unverantwortlich‘.

Mit welchen Herausforderungen und Problemen seid ihr im Kontakt und in der Zusammenarbeit mit anderen, nicht veganen, Gruppen, aus dem emanzipatorischen Spektrum, konfrontiert, und wie geht ihr damit um?

Aktive aus verschiedenen Antifa-Gruppen wussten offenbar zunächst nicht, wo sie uns einordnen sollen, ob wir vielleicht rechtsoffen sein könnten oder zumindest unreflektiert in diesem Bereich. Das gelang uns durch stetige Teilnahme an antifaschistischen Veranstaltungen, Gestaltung von Vorträgen im Rahmen unserer Brunches, die Herausgabe entsprechender Broschüren und eine zunehmend klare öffentliche Positionierung mehr und mehr auszuräumen.

Was kann man aus eurer Sicht tun, um die Tierbefreiungsbewegung für Aktive aus dem emanzipatorischen Spektrum attraktiv zu machen, für die Tierbefreiung aktuell – noch – kein Thema ist?

Wir wissen auch von anderen Gruppen, die sehr gute Erfahrungen damit gemacht haben, zunächst gar nicht vordergründig über Veganismus und Tierbefreiung zu sprechen, sondern einerseits – ohne die Identität als Tier-/Totalbefreiungsaktivisten zu verschweigen – für andere Ansätze/ Bewegungen allgemein unterstützend aktiv zu sein, ganz praktisch, ggf. auch verpflegend, und andererseits Intersektionalität (Schnittmenge von verschiedenen Diskriminierungsformen) Unity of Oppression (Einheit der Unterdrückung) und Totalbefreiung, also strukturelle Zusammenhänge und Gemeinsamkeiten/Ähnlichkeiten verschiedener Diskriminierungen, Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse und vernetzte, verbandsübergreifende Widerstandsansätze zu thematisieren.

Dabei werden ganz selbstverständlich, sowohl rational als auch nachvollziehbar emotional, Speziesismus neben anderen Formen der Diskriminierung erwähnt.

Auf diese Weise kann man z.B. gerade Anti-Speziesismus in den Themenschwerpunkten anarchistischer Netzwerke unterbringen, auch wenn diese Thematik den meisten Teilnehmenden bislang völlig unbekannt war. Es können Beispiele für Probleme aufgezeigt werden, die mehrfache Betroffenheit (z.B. Armut, Rassismus, Umwelt, Mitmenschen) schaffen, und die entsprechend übergreifend angegangen werden sollten. Wir denken, dass das ein praktikabler Ansatz ist, die Tierbefreiungsbewegung für andere emanzipatorische Gruppen und Personen attraktiv zu machen.

Danke für das Interview @ Menschen für Tierrechte – Tierversuchsgegner Saar e. V.

Übersicht aller bisher veröffentlichten Total Liberation-Interviews.

2 Kommentare

  1. Tierrechtsanarchist*innen Chemnitz (1 Mitglied)

    Schön, dass ihr als Gruppe diesen Ansatz verfolgt.
    Ich teile eure Meinung, dass dieser Weg der allumfassenden Befreiung, der alle Diskriminierungs- und Herrschaftsstrukturen mitdenkt und in die eigene Praxis integriert, ein sehr wirkungsvoller, wenn nicht der einzig mögliche in eine gerechte und zukunftsfähige Welt ist.
    Tierbefreiung ist Menschenbefreiung!
    Anarchie, Kommunismus, Antidiskrininierung und Punkrock!
    Wir sehen uns bei der Weltrevolution, Freund*innen!

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