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Total Liberation Interview 4 – LISA Wiesbaden

Der Begriff „Total Liberation“ taucht in den letzten Jahren immer häufiger in der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung auf. Er umschreibt die Idee, alle emanzipatorischen Bewegungen unter dem Überbegriff „Total Liberation“ zusammenzuführen. Da zu diesem Thema bislang eher wenig geschrieben wurde, haben wir verschiedene Gruppen und Einzelpersonen innerhalb und außerhalb der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung gefragt.

Wie verstehen und interpretieren einzelne Gruppen und Personen aus dem emanzipatorischen Spektrum das Konzept „Total Liberation“? Welche Perspektiven und Möglichkeiten bietet dieser Ansatz? Welche Herausforderungen und Probleme ergeben sich aus dem Zusammenschluss mit anderen, nichtveganen, emanzipatorischen Gruppen? Wie können wir das Thema für Aktive aus dem emanzipatorischen Spektrum attraktiv zu machen, für die Tierrechte und Tierbefreiung aktuell noch nicht Teil ihres politischen Engagements sind?

Wir veröffentlichen nun jede Woche eines dieser Interviews und wollen damit eine Diskussion zu diesem Thema anstoßen – innerhalb und außerhalb der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung. Wir hoffen auf fruchtbare und konstruktive Diskussionen. Zum Abschluss dieser Interviewreihe werden wir die, aus den Interviews und Diskussionen gewonnenen, Erkenntnisse und Fragestellungen in einem Artikel zusammenfassen.

Für unsere ersten drei Total Liberation-Interviews sprachen wir mit der Berliner Tierbefreiungsaktion (BerTA), den Kreaktivisten sowie den  Menschen für Tierrechte – Tierversuchsgegner Saar e. V. In unserem neusten Interview sprachen wir mit den Menschen von LISA Wiesbaden.


 

Stellt euch kurz vor. Seit wann seid ihr politisch aktiv und was sind die Schwerpunkte eurer Arbeit?

LISA Wiesbaden ist die lokale Struktur einer feministischen Frauenarbeitsgemeinschaft, die der Partei DIE LINKE nahe steht. Sie ist zum einen zwar eine anerkannte Arbeitsgemeinschaft der Partei, zum anderen aber eine autonome Struktur, die ihre Inhalte und Aktionen selbst bestimmt und in der auch Nicht-Parteimitglieder mitarbeiten. LISA Wiesbaden gibt es seit etwa 2007, zunächst mit einem Fokus, der sich eher auf die Beseitigung von Frauendiskriminierungen in der Linken richtete. Im Laufe der Zeit hat sich der Fokus jedoch stark verschoben, wir haben viel gemeinsam gelernt – und sind nach wie vor stetig dabei – und sehen uns heute als Teil der radikalfeministischen Bewegung an, die zum Glück gerade auch in Deutschland ein Comeback erlebt. Insofern stehen nicht die klassischen Themen des heutigen – zumeist neoliberal gefärbten – Feminismus, wie Erwerbsbeteiligung oder Quoten in Aufsichtsräten, auf unserer Agenda, mit denen man im Kreislauf kapitalistischer Verwertungslogik verbleibt, sondern insbesondere jene patriarchalen Unterdrückungsmechanismen, durch die Frauen als gesellschaftliche Klasse systematisch beherrscht werden, zum Beispiel in der Sexindustrie.

LISA Wiesbaden ist inhaltlich-programmatisch damit nicht unbedingt deckungsgleich mit LISA-Gruppen andernorts oder auf Bundesebene, sondern gewachsenes Produkt der feministischen Arbeit vor Ort.

Wir engagieren uns überregional in – auch internationalen – Bündnissen (Abolition 2014) ebenso wie lokal vor Ort (Wiesbaden Grenzenlos, Frauenkommunikationszentrum, Runder Tisch Frauengesundheit) und mit eigenen Gruppenaktivitäten. Wir stehen auch gerne bundesweit für Veranstaltungen als Referentinnen oder für Podiumsdiskussionen zur Verfügung.

Der Begriff ″Total Liberation″ taucht ja in den letzten Jahren immer häufiger auf. Was versteht ihr unter dem Begriff ″Total Liberation″?

Wir lehnen das häufig verfolgte Konzept des „Empowerments“ als politisches Konzept ab: Eine Gruppe von Menschen – in unserem Kontext Frauen – soll durch Empowerment fit gemacht werden, sich in unserer Gesellschaft durchschlagen zu können. Ein solches Konzept muss scheitern, weil es immer Menschen geben wird, für die die Rahmenbedingungen so ungünstig sind, dass sie es trotz allem Bemühen nicht schaffen können und an dieser Herausforderung scheitern werden – und dies wird ihnen dann als eigenes Versagen angelastet. Frauen sollen sich nicht so an das Patriarchat anpassen müssen um überleben zu können, sondern wir möchten eine egalitäre, solidarische Gesellschaft ohne Macht- und Herrschaftsstrukturen. Deshalb verfolgen wir den Ansatz der „Liberation“, also der Befreiung.

Um es anders zu sagen: Empowerment ist ein reformistischer Ansatz, der Ansatz der Liberation hingegen der revolutionäre, weil er sich anschickt die Macht- und Herrschaftsstrukturen nicht durchlässiger zu machen, sondern vollkommen aufzulösen. Dabei sind wir uns bewusst, dass das Patriarchat zwar ein sehr wirkmächtiges, aber nicht das einzige Unterdrückungssystem ist, dem Menschen in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind. Das Konzept der Triple Oppression – Unterdrückung durch Race, Class, Gender als drei nebeneinander existierenden Unterdrückungssysteme, die sich häufig gegenseitig verstärken – ist bei der Analyse sehr hilfreich. Auch hier wieder am Beispiel der Sexindustrie leicht zu verdeutlichen: Prostituierte Personen sind überall auf der Welt in aller Regel weiblich, arm und gehören einer diskriminierten, ethnischen Minderheit an (Roma in Deutschland, Indigene in Kanada, Aboriginies in Australien, …)

In den 90er Jahren wurde nachvollziehbarer Weise eine Erweiterung des Ansatzes in ein Unity of Oppression-Konzept gefordert: Macht und Herrschaft können sich auch in anderen Formen, beispielsweise Speziesismus, Ableismus, Heterosexismus, Lookismus, usw.zeigen.
Da alle Unterdrückungssysteme zwar unabhängig voneinander bestehen, aber ähnlich funktionieren, bedeutet „Total Liberation“ für uns, die Abolition aller dieser Unterdrückungssysteme.

Ihr wart im Januar 2015, als einzige nicht-vegane Gruppe, bei der Wiesbaden Total Liberation Demo. Wie kam es zu eurem Mitwirken und welchen Bezug habt ihr zum Thema Veganismus und Tierbefreiung. Lebt ihr (oder einige von euch) vegan?

Wir waren 2014 das erste Mal mit einem Infostand bei der Demo, die damals noch „Wiesbaden Pelzfrei“ hieß. Die Debatten zwischen Tierschützer_innen auf der einen und Tierrechtler_innen auf der anderen sind den innerfeministischen Debatten sehr sehr ähnlich. Da einige von uns in den letzten Jahren den Schritt zum – politischen – Veganismus gegangen sind, die anderen als Vegetarierinnen mindestens damit sympathisieren und eigenes Konsumverhalten sehr kritisch reflektieren, kam es zwangsläufig zu Diskussionen zu diesem Thema. Zumal Tierausbeutung sehr maßgeblich auch auf Frauenausbeutung aufbaut. Das Vegan Feminist Network ist in diesem Zusammenhang eine große Inspirationsquelle.

Generell ist es auch häufig zu beobachten, dass man als Mitglied einer diskriminierten Gruppe, welches sich dieser Diskriminierung bewusst ist, sensibler ist für die Diskriminierung und Unterdrückung einer anderen Gruppe. Während im parlamentarischen politischen Raum Männer stark überrepräsentiert sind, sieht das in veganen oder antirassistischen Initiativen oft anders aus.  Auffällig ist auch, dass es einen Zusammenhang zwischen antifeministischen Einstellungen und militantem Fleischessen zu geben scheint.

In der Partei gelten wir als LISAs inzwischen übrigens sowieso allesamt als Veganer_innen, weil alle von uns immer zu Veranstaltungen vegane Leckereien fürs Buffet mitbringen – hier sind wir der Meinung, dass dies in linkspolitischen Kontexten durchaus längst Konsens sein sollte, ganz unabhäng davon welche individuellen Entscheidungen jemand außerhalb dieser Kontexte trifft.

Welche Probleme und Schwierigkeiten seht ihr in der Zusammenarbeit mit Gruppen aus der Tierbefreiungsbewegung? Mit welchen Vorbehalten wurdet ihr, als nicht vegane Gruppe, konfrontiert?

Bisher haben wir hier nur sehr positive Erfahrungen gemacht. 2014 wurden wir von zahlreichen Menschen ermuntert an unserem Infostand auch unsere anderen Themen unterzubringen. Wir haben uns hier sehr willkommen und wohl gefühlt – mit Ausnahme einer eher unschönen Situation, wo sich ein Mann am Nebenstand extrem sexistisch verhielt. Wir haben das zwar für uns vor Ort einigermaßen zufriedenstellend geklärt, aber es verhagelt schon ein wenig die gute Stimmung.

Auf der einen Seite erleben wir, dass man in der Tierbefreiungsbewegung unseren Kern-Themen gegenüber sehr offen ist und wir das Gefühl haben, anders als häufig in anderen Kontexten, verstanden zu werden. Das liegt mit Sicherheit hauptsächlich daran, dass unsere Analysemethoden in das jeweils andere Unterdrückungssystem „übersetzbar“ sind. Das gilt insbesondere für den politischen Veganismus.

Schwierigkeiten sehen wir insbesondere da, wo die „Übersetzung“ nicht gelingt und beispielsweise vegane Gruppen sich sexistisch verhalten oder gar wie PETA Sexismus als Marketinginstrument bewusst einsetzen. Der Zweck heiligt in diesem Fall eindeutig nicht die Mittel.

Was kann man aus deiner Sicht tun, um  die Tierbefreiungsbewegung für Aktive aus dem emanzipatorischen Spektrum attraktiv zu machen, für die Tierbefreiung aktuell – noch – kein Thema ist? Habt ihr Vorbehalte und Bedenken und wenn ja, welche?

Ein guter Anfang wäre gemacht, wenn wir die vielen guten Bücher, die es bereits gibt, auch auf Deutsch zugänglich machen könnten. Von Carol J. Adams gibt es bisher beispielsweise nur ein Buch auch auf Deutsch – Zum Verzehr bestimmt: Eine feministisch-vegetarische Theorie. Auch Mary Daly, ist in diesem Zusammenhang, trotz stark religiösen Einschlag und teilweise durchaus problematischen Positionen, sehr interessant.

Ein deutsches Bloggerkollektiv wie das Vegan Feminist Network, welches die beiden Themen regelmäßig in Zusammenhang setzt, wäre ebenfalls sehr hilfreich. Wir sind froh, dass unsere Freundinnen von den Störenfriedas hier sehr aufgeschlossen sind und regelmäßig Texte posten, wenngleich das nicht der originäre Schwerpunkt ist.

Von der Grundhaltung sind sich Abolitionist_innen so ähnlich, dass man unserer Meinung hier noch sehr viel Bündnispotenzial ausschöpfen kann. Wir sind den Veranstalter_innen der Total Liberation Demo jedenfalls sehr dankbar, dass sie dieses Feld nicht zuletzt durch die Umbenennung weiter geöffnet haben. Wir alle kämpfen gegen kapitalistische Verwertungslogik, Ausbeutung und Unterdrückung. Diese Kämpfe lassen sich wunderbar zusammenführen. Das sollten wir tun!

Danke für das Interview @ Carolin, Manuela, Maya, Sarah und Tatjana von LISA Wiesbaden

Übersicht aller bisher veröffentlichten Total Liberation-Interviews.

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