Albert Schweitzer Stiftung Tierschutzbund Tier und Naturschutz Open Air
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Albert Schweitzer Stiftung und Tierschutzbund nehmen an rechtsoffener Tierschutzveranstaltung teil

In unserem Artikel „Tierschutzzentrum Lüneburger Heide – Wenn Holocaustleugnung unter Meinungsfreiheit fällt“ berichteten wir vor einem Monat über die Diskussionen um die Beteiligung der Band Vita-Vision am „Tier- und Naturschutz Open Air Lüneburger Heide“ am 18. September 2016 in Ebstorf. Darin dokumentierten wir die Verbreitung rechtsradikaler Inhalte durch die Sängerin der Band, Zeyneb Ummsitta. Darunter fanden sich antisemitische Inhalte, sowie der Beitrag eines rechtsradikalen Blogs, welcher den Holocaust leugnet. Die Veranstalterin des Events, Monika Kielmann, stellte sich hinter die Band und bedauerte deren Absage. Die öffentlich diskutierten politischen Positionen der Band ordnete die Veranstalterin dabei der Meinungsfreiheit zu. Nach unserer Berichterstattung sagten einige Organisationen ihre Teilnahme an der Veranstaltung ab. Die Albert Schweitzer Stiftung und der Tierschutzbund blieben bei ihrer Teilnahme.

Absagen

Sechs der insgesamt 27 eingeplanten Aussteller*innen haben die Absage ihrer Teilnahme gegenüber Indyvegan bestätigt. Es handelt sich dabei um die Partei ETHIA, Free Animal e.V., Nuca Animal Welfare, den Pferdehof Süthen, Terra Mater e.V. sowie die Wildtierhilfe Lüneburger Heide e.V.

Der Vorstand des Vereins Nuca Animal Welfare erklärte gegenüber Indyvegan:

„Nachdem wir nun detaillierte Informationen eingeholt haben, sind wir entsetzt. Unser Verein positioniert sich eindeutig gegen jede Form von rechtem Gedankengut und der Verharmlosung von Geschehnissen im Holocaust. Wir beteiligen uns weder an an Veranstaltungen von Verschwörungsideolog*innen, Querfront-Aktivist*innen, oder Sekten und rechten Ideolog*innen. Wir werden nicht an unserer Teilnahme festhalten und distanzieren uns, in aller Form.“

Die Partei ETHIA teilte uns mit:

„Leider ist im Bereich des „unpolitischen Tierschutzes“ häufig nicht bekannt, welche Tendenzen und Gruppen diesen infiltrieren und nutzen. […] Wir hatten im Vorwege Ihres Schreibens deutliche Gespräche, in denen wir unsere Teilnahme nicht nur vom Ausschluss der Band, sondern auch von der Stellungnahme abhängig machten. Als diese im Wortlaut veröffentlicht worden war, war für uns klar, dass diese Positionierung so untragbar für uns ist und wir teilten mit, dass wir genau aus diesem Grund nicht teilnehmen werden.“

Auch die Organisation Terra Mater e.V – Umwelt- und Tierhilfe begründete ihre Absage:

„Die Absurdität der auf der Facebook-Seite der Leadsängerin verbreiteten Posts zu Chemtrail-Verschwörungsthesen lässt sich ja vielleicht noch mit einem verächtlichen Kopfschütteln abtun. Was sich allerdings nicht mehr mit einem bloßen „lächerlich“ quittieren lässt, sondern was aus unserer Sicht klar zu verurteilen ist, sind die antisemitischen Bilder und Verlinkungen zu ebensolchen sowie rechtsextremen Seiten und Blogs auf ihrem Facebook-Profil.

Daher sind die Äußerungen der Veranstalterin für uns nicht nachzuvollziehen, mit der sie auf ihrem privaten Facebook-Profil die Teilnahme der Band an ihrer Veranstaltung legitimiert und Stellung bezieht: Sie bedauert, „[…] dass die Band die Veranstaltung LEIDER abgesagt […]“ habe.[…]

Sehr wohl politisch wird es allerdings, vor dem Hintergrund, dass Sängerin Zeyneb Ummsitta auf Facebook den rechtsextremistischen Blogbeitrag teilt, der die strafbare Leugnung des Holocaust beinhaltet. In diesem Kontext geht das verharmlosende Argument der Veranstalterin „Wir leben in einem Land in dem jeder Bürger eine freie Meinungsfreiheit hat!“ unserer Ansicht nach in eine Richtung, von der wir uns als Umwelt- und Tierschutzverein GANZ KLAR DISTANZIEREN!“

Der Teehandel Kolodziej & Lieder, welcher das Open Air im Vorjahr mit kleinen Tombola-Preisen unterstützte, teilte auf unsere Anfrage mit:

„Eine Distanzierung – von den durch die Sängerin verbreiteten Inhalten – seitens der Veranstalterin des Tier- und Naturschutz Open Air, können wir nicht erkennen. Wir fassen dies so auf, dass die Haltung der Sängerin für die Veranstalterin unproblematisch zu sein scheint. Dass es bei der Veranstaltung, laut Aussage der Veranstalterin, um „Tier- und Naturschutz ginge und um sonst nichts“, läßt, in Anbetracht der auf Facebook durch die Sängerin geteilten Seiten – auf denen der Holocaust geleugnet und esoterisch-neo-rechte Inhalte verbreitet werden – für uns keinen Interpretationsspielraum. Wir jedenfalls distanzieren uns in jeder Hinsicht von völkischem, neo-rechtem Gedankengut und damit einhergehender Verschwörungsideologien und -mythen. Eine Unterstützung der Veranstaltung kommt für uns deshalb nicht in Frage!“

Die Tierrechtsorganisation Aminal Rights Watch (ARIWA) sagte ihre Teilnahme, nach unserer Berichterstattung ebenfalls ab, reagierte jedoch nicht auf unsere schriftliche Anfrage.

Organisationen, die dennoch teilnahmen

Insgesamt erhielten wir nur von sieben Organisationen eine Rückmeldung. Der Verein Lucky dogs of Romania sah kein Problem in der politischen Haltung der Veranstalter*innen und teilte mit:

„Wir positionieren uns überhaupt nicht zur politischen Meinung der Veranstalterin, da wir diese nicht kennen und wir uns grundsätzlich für Hunde in Rumänien einsetzen und es beim TS Open Air um den Tierschutz geht.“

Die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt, wie auch der Deutsche Tierschutzbund Landesverband Niedersachsen reagierten nicht auf unsere schriftliche Anfrage und nahmen wie geplant als Aussteller*innen an der Veranstaltung teil.

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Dies gilt auch für die Vereine Arche Noah Kreta e.V., Besitzerhunde Rumäniens, Hund Katz co, Kaninchenschutz e.V., Katzenhilfe Bleckede, Katzenhilfe Uelzen, Papageienfreunde Nord e.V., Sardinienhunde e.V., Tierhilfsnetzwerk Europa e.V., Hürdenwellies e.V., De Immen e.V. sowie für den Verein Uelzener Hunde.

Die Teilnahme des BUND Uelzen sowie der Vereine Pro Vieh Wendland, Tierheim Timisoara – Casa Cainelui, Tierhilfe Fuerteventura, Totfundhund sowie „Weil Tiere lieber Leben – haeven can wait e.V.“ ließ sich über die uns vorliegenden Fotos der Veranstaltung bisher nicht bestätigen. Für entsprechende Hinweise dazu sind wir dankbar.

Der Querfront-Verein Zukunftsgesellschaft e.V., dem auch die Band Vita-Vision zuzuordnen ist, verschwand bereits im Vorfeld von der Ausstellerinnen-Liste und trat nach unseren Erkenntnissen nicht als Aussteller auf dem Open Air in Erscheinung. An der Beteiligung des Sektenbetriebs „Loving Hut“, der zur Sekte Supreme Master Ching Hai1 gehört, hielten die Veranstalterinnen fest.

Die TAZ berichtete

Am 23. September 2016 berichtete die TAZ in ihrem Artikel „Mit dem Aluhut gegen „Manipulation“ über die öffentlichen Diskussionen um das „Tier- und Naturschutz Open Air Lüneburger Heide“ und über den Ablauf der Veranstaltung.2 Auch die uniformen T-Shirts des Orga-Teams mit dem Aufdruck: „Nicht mit uns!“ wurden darin thematisiert.

Tierzentrum Lüneburger Heide Monika KielmannMit diesem Statement machten die Organisatorinnen bereits in ihrer schriftlichen Stellungnahme deutlich, dass sie die Kritik an der Beteiligung rechter Ideologinnen zurückweisen.3 Gegenüber der TAZ wiederholte die Veranstalterin Monika Kielmann ihre Verteidigung der Band Vita-Vision. Sie sagte:

„Es gibt kein Problem mit der Band. […] Und die ist auch nicht rechts.“

Wie das Blatt berichtet, spielten die Veranstalter*innen Songs der, laut Kielmann inzwischen aufgelösten4, Band Vita-Vision vom Band ab.

Bienenrap statt Stellungnahme

Die Veranstalterinnen Monika Kielmann und Bea Müller haben auch während ihrer Veranstaltung nicht zu den konkreten Vorwürfen Stellung bezogen. Stattdessen performten sie gemeinsam mit der, als Biene verkleideten, Tierschützerin Brigitte Schulz einen Rap-Vortrag, der von Andeutungen, Strohmannargumenten und Beleidigungen gegenüber Kritikerinnen bestimmt war.5 Kielmann trug eine Kette aus Maulkörben, die Hände zur Merkelraute geformt.

Tierzentrum Lüneburger Heide Monika Kielmann Bea Müller Brigitte Schulz

In dem 18-minütigen Programmbeitrag werden Kritiker*innen der rechtsoffenen Veranstaltungspolitik Kielmanns und Müllers als „digitale Diktatoren“, „mediengesteuerte Marionetten“, „Internetterroristin mit Frustrationshintergrund“, „gedoofte Follower“, „achselmähnige Laptoplorelei“ und „Freizeitquerulanteuse ohne Nettiquette“ bezeichnet. Zum Ende trägt Brigitte Schulz vor:

„Wenn du Wahrheiten verdichtest, oder öffentlich deine eigene Meinung hast, dann stehst du schnell mal mit dem rechten Bein im virtuellen Knast.“

Welche Wahrheiten hier gemeint waren, blieb das Geheimnis der Vortragenden. Für den Großteil der Anwesenden dürfte nicht erkennbar gewesen sein, worauf sich dieser Vortrag bezog. Jedoch blieb auch für Eingeweihte nach dem Auftritt die Frage offen, warum die Veranstalterinnen es bedauerten, dass die Antisemitin und Querfront-Aktivistin Zeyneb Ummsitta, nicht mit ihrer verschwörungsideologischen Band Vita-Vision am Fest teilnahm. Die Veranstalterinnen bedienten sich an dieser Stelle verschwörungsideologischer und antifeministischer Rhetorik aus dem rechten Spektrum.

Fazit

Auf der Facebook-Seite der Tier- und Naturschutz Open Airs Lüneburger Heide erklärte Monika Kielmann zwei Wochen vor der Veranstaltung:6

Tierzentrum Lüneburger Heide Monika Kielmann

Wäre dies mehr als ein Lippenbekenntnis gewesen, so hätten die Veranstalterinnen offen auf Hinweise reagiert. Sie hätten die Band, insbesondere deren antisemitische Sängerin, von der Veranstaltung ausgeschlossen und deren Absage nicht öffentlich bedauert. Wer sich glaubhaft gegen rechte Ideologien und Antisemitismus ausspricht, bezeichnet sachliche Hinweise auf rechte Ideologinnen nicht als „Hetzkampagne“ oder „Internetmobbing“, beschimpft Antifaschistinnen nicht als „mediengesteuerte Marionetten“ und verharmlost rechte Ideologien nicht mit der Zuordnung zur „Meinungsfreiheit“. Schon gar nicht, wenn es dabei um die in Deutschland nach § 130 StGB strafbare Leugnung des Holocaust, sowie um die Verbreitung antisemitischer Inhalte geht. Und so wurden die „gegen Rechts“-Buttons auf den T-Shirts des Orga-Teams, über dem Schriftzug „Nicht mit uns!“, zum ungewollt ehrlichen Motto der Veranstaltung. Eine klare Position gegen rechte Ideologien ergibt sich nicht aus wohlklingenden Bekanntmachungen oder „gegen Rechts“-Buttons, sondern aus konsequentem Handeln. Dies gilt für die Veranstalterinnen des Open Airs ebenso, wie für die teilnehmenden Tierschutzorganisationen.

Tierzentrum Lüneburger Heide Tier und Naturschutz Open Air Lüneburger Heide

5 Kommentare

  1. Lüneburger

    „Die Tierrechtsorganisation Aminal Rights Watch (ARIWA) sagte ihre Teilnahme, nach unserer Berichterstattung ebenfalls ab, reagierte jedoch nicht auf unsere schriftliche Anfrage.“

    Wie kommt ihr darauf, dass das was mit eurer Berichterstattung zu tun hat? Die Ortsgruppe Celle, die teilnehmen wollte, hatte am Morgen der Veranstaltung eine Autopanne und konnte kein Ersatzfahrzeug auftreiben, in den der Infostand (Pavillon etc) reingepasst hätten.

    Selbstverständlich wird nicht auf eure Anfragen reagiert, ist eine Vorgabe vom Vorstand. Solltet ihr doch eigentlich wissen.

    • Indyvegan

      Danke für den Hinweis. Wir waren so naiv, aus den Texten von Ariwa zum Umgang mit rechten Ideologien abzuleiten, dass der Verein nicht an so einer Veranstaltung teilnehmen würde. Da wir den Verein nicht auf den Fotos sahen, gingen wir davon aus, dass er abgesagt hat. Danke für die Informationen. Wir werden das prüfen und im Text korrigieren.

      Dazu, dass es eine Order des Vorstandes geben soll, nicht auf Aufragen von Indyvegan zu reagieren, war uns bisher nichts bekannt. Wenn du dazu nähere Informationen und gegebenenfalls Belegmaterial hast, würden wir uns freuen, wenn du per Mail Kontakt mit uns aufnehmen könntest. indyvegan@riseup.net

      • Lüneburger

        In dem Fall wart ihr tatsächlich sehr naiv 😉 Habt ihr denn jemals eine Antwort von ARIWA erhalten? Und wieso sollten ARIWA Texte zum Umgang mit rechten Ideologien mehr als Lippenbekenntnisse sein? Der Vorstand hat sich doch zu Evgueni bekannt, nachdem dieser von der Berlinger OG rausgeworfen wurde. In der Münchner OG soll auch eine Querfrontlerin aktiv gewesen sein, wovon der Vorstand nichts wissen wollte. Das wurde auf der internen Plattform diskutiert und als die Fragen an den Vorstand nicht aufgehört haben, wurde die Plattform kurzerhand geschlossen.

        Belege habe ich leider nicht. Nur Mund zu Mund Infos.

        • Indyvegan

          Die Vorgänge zu der von Ariwa geduldeten rechten Gruppengründerin in München, sowie das Vorgehen im Fall Kivman sind gut dokumentiert. Uns würden eher Belege zu der Order interessieren, wonach Ariwa-Ortsgruppen keine Anfragen von Indyvegan beantworten sollen.

          Nein, wir haben keine Antwort von Ariwa erhalten. Wir hofften einfach, dass der Ariwa-Vorstand trotz seiner Indyvegan-Aversion in Sachen rechtsoffene Veranstaltungen eine klare Linie fährt und haben ihr nicht-Erscheinen daher so wohlwollen interpretiert. Das war journalistisch ein Fehler, daher haben wir das korrigiert.

          Hast du die Info zu dem Grund für die Absage aus erster Hand?

        • Indyvegan

          Nach unserem Aufruf auf Facebook haben sich zwei Personen bei uns gemeldet, die unabhängig voneinander mitteilten, dass Ariwa Celle ihnen gegenüber eine vorherige Absage erklärte.

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